Voltaire - Heute Ist Jeder Tag

Was für ein Album. Da wartet man auf die neuen Langspieler von Blumfeld und den Sternen - und dann ist das deutsche Album des Jahres von einer Band, die man gar nicht auf der Rechnung hatte: Voltaire. Und die sind weder aus Hamburg, noch aus Berlin, sondern aus Bonn - und heißen so, weil der Sänger so heißt.

Kennengelernt haben sich Roland Meyer de Voltaire und Pianist Hedayet Djeddikar - so will es die Bandlegende - über die klassische Musik: Gemeinsam konzertierten sie mit Schuberts Winterreise. Gitarrist Marian Menge kommt vom Jazz und Bassist Frauenberger aus einer Wiener Musikerfamilie, die ihre Söhne seit Generationen Rudolf nennt. Von Drummer David Schlechtriemen wird berichtet, er sei mit 17 von zu Hause ausgerissen und habe bei einem weißrussischen Guru Schlagzeug gelernt.

Muss man alles nicht wissen, macht aber die wunderbar unzeitgemäße Musik von Voltaire noch liebenswerter. Vergleiche sind hier sinnlos. Die Band klingt wie sonst niemand. Gut, wenn man möchte, kann man Folk- und Artrock-Einflüsse heraushören (King Crimson, Genesis, Steely Dan), und eine Vorliebe für Radiohead. Doch die Musik ist im besten Sinne eigen-artig: Ständig passiert etwas Überraschendes, wie bei „Flut“, das als Ballade anfängt und in einem seventiesrockigem Finale mündet, oder im wunderbar atmosphärischen „Augen zu“, wo zwischendrin eine kratzige Gitarre in den Märchen-Soundtrack platzt.

Und auch die Texte bringen einen ganz eigenen Ton in die deutsche Popmusik: Mal ist er entschlossen-pathetisch wie in dem großartigen Trennungslied „Kaputt“, wo Voltaire mit wütender Kopfstimme fordert: „Mach mich einfach kaputt! Warum mich quälen? Dass Du nicht mehr willst, musst Du mir nicht erzählen“, und düster befiehlt: „Gib die Koordinaten ein: Dieser Platz soll Schutt und Asche sein!“ Mal resigniert-genervt wie in „Stille“:„Haut alle ab, geht einfach weg - gebt einfach Gas, seid nicht mehr hier!“ Und dann wieder poetisch-verträumt wie in „Dummy“: „Raus ins Reine, rein ins Blaue… Meine Beine brauche ich nicht mehr, darum lege ich sie ab“.

Ein großartiges, selbstbewusst in sich ruhendes Debütalbum. Hoffentlich interessieren sich Voltaire nicht für Kritiken und machen einfach weiter ihr Ding. –Axel Henrici

  • 1. Zu sch
  • 2. Asche
  • 3. Flut
  • 4. T
  • 5. Augen zu
  • 6. Stille
  • 7. Vampir
  • 8. Kaputt
  • 9. Wo
  • 10. Wie du willst
  • 11. Heute
  • 12. Kleines Mhen
  • 13. Dummy
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